DIE WELT online   7 April 2003

 

Tod eines unbestechlichen Journalisten

Michael Kelly starb als erster amerikanischer Journalist im Irak-Krieg am 4. April bei einem Unfall

von Steven C. Clemons

Michael Kelly kurz vor seinem Tod

 

Michael Kelly kurz vor seinem Tod
Foto: AP

 

Ich habe einen wunderbaren Freund verloren und Amerika einen seiner besten Journalisten. Michael Kelly war einer der 600 "eingebetteten" Berichterstatter dieses Kriegs, Chefkorrespondent des Atlantic Monthly; er wurde getötet, während er mit der 3. Infanteriedivision der US-amerikanischen Streitkräfte unterwegs war. Kelly arbeitete nicht nur bei vielen der einflussreichsten politischen Zeitschriften Amerikas - darunter "The New Republic", "National Journal" und "The Atlantic Monthly" -, er schrieb auch treffsichere, mutige Kommentare über Menschen an den Schalthebeln der Macht, und seine unbestechliche Kritik kam überall dort mit scharfem Sarkasmus daher, wo er auf Fahrlässigkeit und Machtmissbrauch stieß.

Besonders bekannt wurde Kelly für seine bissigen Attacken auf Bill Clintons ethische Grundsätze.

Angesichts seiner Neigung zu ebenso glühender wie kenntnisreicher Kritik gegenüber dem obersten Demokraten der Nation fragten sich viele seiner Freunde, wann das Damoklesschwert auf Kelly herabfallen würde. Der damalige Verleger der "New Republic", Martin Peretz, ließ Kelly auf der moralischen Skandalwelle reiten, obgleich es intern heftige Auseinandersetzungen gab. Schließlich hatte auch Joseph Lieberman innerhalb der Demokratischen Partei nichts anderes gemacht und sich auf diese Weise den Weg für seine Kandidatur als Vizepräsident Gores bereitet. Aber als Kelly seine Munition gegen Gores Wahlkampf abzuschießen begann - dem Kelly, was Clintons schlechtes Beispiel betraf, moralische Laxheit vorwarf -, wurde er von Peretz gefeuert. Gore hatte in Harvard bei Peretz studiert, und Peretz war bereit, alles zu tun, um Gore zum Präsidenten der USA zu machen. Trotz der heiligen Grundsätze von Presse- und Meinungsfreiheit war ein unabhängig denkender Redakteur der "New Republic" nur so lange in Ordnung, wenn es darum ging, sich mit Clinton anzulegen; bei Gore hörte der Spaß auf.

David Bradley, der Besitzer des "National Journal" und "Atlantic Monthly", bat Mike Kelly eine Zeit lang als Herausgeber beider Blätter das Ruder zu übernehmen und ihnen mehr Profil bei tagespolitischen Themen zu geben. Man konnte sich darauf verlassen, dass Kelly kreativ, polternd, chaotisch und brillant war, manchmal hart in seinem Kommentar und über das Ziel hinaus schießend, aber von intellektueller Aufrichtigkeit und aufgeschlossen gegenüber einer Vielfalt divergierender Meinungen. Ich kenne niemanden, der mit Mike Kelly zusammengearbeitet und ihm je vorgeworfen hat, auf einem bestimmten Meinungskodex zu beharren, oder dass er von anderen Autoren erwartete, seine eigenen Ansichten nachzuplappern.

Mike Kelly verkörperte jenen Typ eines Vertreters der "radikalen Mitte" unter den Intellektuellen des politischen öffentlichen Lebens. Kelly ließ sich nicht den seichten und vorhersehbaren politischen Schablonen zuordnen, weder bei den Rechten noch bei den Linken. Seine Ansichten bewegten sich auf beiden Seiten dieses Spektrums und wiederum auf keiner von beiden. Er befürwortete diesen Irak-Krieg und wollte vor Ort sein, um für die amerikanische Öffentlichkeit darüber zu berichten und ihn ihr erläutern zu können. Mike fand, es sei George W. Bush hoch anzurechnen, dass er sich zu jenen schweren Entscheidungen durchrang, die Staatsoberhäupter fällen müssen, wenn sie die Menschen mit Blick auf ein höheres Ziel der Gefahr aussetzen.

Ich habe mich gegen diesen Krieg ausgesprochen - hauptsächlich, weil die Entscheidung des Bush-Teams im Irak-Konflikt dazu geführt hat, von anderen Bedrohungen wie dem transnationalen Terrorismus und weiteren Krisenherden wie Nordkorea abzulenken. Kelly aber konnte sich leidenschaftlich die Grundsätze sogar derer zu Eigen machen, deren Meinung er nicht teilte.

Übersetzung: Ruth Keen

Artikel erschienen am 7. Apr 2003

 

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